Sedierung ist ein zentraler Bestandteil vieler zahnmedizinischer und medizinischer Eingriffe – sei es zur Schmerzlinderung, zur Beruhigung oder zur Ermöglichung minimal-invasiver Prozeduren. Die American Society of Anesthesiologists (ASA) hat ein Klassifikationssystem entwickelt, das die Tiefe der Sedierung in vier klar definierte Stufen unterteilt. Dieses System dient nicht nur der besseren Kommunikation zwischen medizinischem Personal und Einrichtungen, sondern auch der Patientensicherheit. In diesem Beitrag erklären wir die vier Sedierungstiefen gemäß ASA im Detail.
Vorab: Grundsätzlich ist eine gewisse Substanz (Lachgas, Midazolam etc.) nicht direkt mit einer Sedierungstiefe zu verbinden. Das beste Beispiel dazu aus unser aller Alltag bietet Alkohol: Man kann mit einem Glas Bier eine minimale Sedierung erreichen, mit 100 Gläsern gewiss eine Vollnarkose. D.h. nicht die Substanz oder die Applikationsform (inhalaltiv, oral, i.v., i.m., sublingual, rektal) ist entscheidend, sondern alleine die Dosis des Medikaments/Sedativums und die Reaktion des Patienten auf diese Dosis ist entscheidend, in welcher der vier Sedierungsstufen nach ASA der Patient sich befinden wird:
1. Minimale Sedierung (Anxiolyse)
Definition: Der Patient reagiert normal auf verbale Reize. Die kognitiven Funktionen können leicht beeinträchtigt sein, die Atem- und Herz-Kreislauffunktion bleiben jedoch unbeeinträchtigt.
Typische Anwendung:
- Zahnärztliche und oralchirurgische Eingriffe
- Kleine diagnostische Maßnahmen (z. B. MRT bei Kindern oder ängstlichen Patienten)
- Angstlösende Medikation vor Operationen
Beispielmedikamente:
- Lachgas-Sauerstoff-Mix
- Niedrig dosiertes Midazolam
- Orales Diazepam
Überwachung des Patienten:
- Klinische Bewertung des Bewusstseinslage (Ansprechbarkeit und Erweckbarkeit)
- Geräte-Monitoring: Pulsoximetrie (Oxigenierung), ggf. nicht-invasive Blutdruckmessung (Herz-Kreislauf-System)
Wichtig: Die Patienten sind wach und können eigenständig atmen. Es besteht kein erhöhtes Risiko für Atemdepression oder Kreislaufprobleme.
2. Moderate Sedierung / Analgosedierung (ehemals „conscious sedation“)
Definition: Der Patient reagiert zweckmäßig auf verbale Reize oder leichte taktile Stimulation. Die Spontanatmung ist ausreichend, und es sind keine speziellen Maßnahmen zur Atemwegssicherung erforderlich.
Typische Anwendung:
- Zahnärztliche und oralchirurgische Eingriffe
- Koloskopien
- Bronchoskopien
- Kleinere chirurgische Eingriffe (z. B. Wundversorgung)
Beispielmedikamente:
- Midazolam (Sedativum) in niedriger Dosierung per Titration
- Propofol in niedriger Dosierung („low-dose“)
Überwachung des Patienten:
- Klinische Bewertung des Bewusstseinslage (Ansprechbarkeit und Erweckbarkeit)
- Geräte-Monitoring: Pulsoximetrie (Oxigenierung), nicht-invasive Blutdruckmessung (Herz-Kreislauf-System) und Kapnographie (Atmung)
Wichtig: Obwohl der Patient sediert ist, bleibt das Bewusstsein teilweise erhalten. Er kann auf Anweisungen reagieren und atmet eigenständig.
CAVE ZAHNMEDIZIN: Für die in Personalunion durchgeführte Sedierung wird bei Stufe 1 und 2 eine Grenze gesetzt. D.h. unter gewissen Voraussetzungen (Ausbildung, Infrastruktur, Patienteneignung, Personal, Monitoring) sind Sedierungen in den Tiefen 1 („minimal“) und 2 („moderat“) zulässig mit einer klaren Empfehlung für titrierbare Techniken wie die Lachgassedierung oder die IV Sedierung. Die folgenden Stufen 3 und 4 sind niemals in Personalunion durch den Behandler durchzuführen.
3. Tiefe Sedierung
Definition: Der Patient ist nicht leicht erweckbar, reagiert aber auf wiederholte oder schmerzhafte Reize. Die Fähigkeit zur selbstständigen Atmung kann eingeschränkt sein. Es kann eine Unterstützung der Atemwege notwendig werden.
Typische Anwendung:
- Oralchirurgie und MKG-Chirurgie
- Tiefer sedierende Koloskopien oder Endoskopien
- Kurze invasive Eingriffe ohne Intubation
Beispielmedikamente:
- Höher dosiertes Propofol
- Kombination aus Propofol und Opioiden
Überwachung des Patienten:
- Klinische Bewertung des Bewusstseinslage (Ansprechbarkeit und Erweckbarkeit)
- Geräte-Monitoring: Pulsoximetrie (Oxigenierung), EKG, nicht-invasive Blutdruckmessung (Herz-Kreislauf-System) und Kapnographie (Atmung)
Wichtig: Die Überwachung muss intensiviert werden. Es besteht ein erhöhtes Risiko für Atemdepression und Hypoxie. Notfallausrüstung zur Atemwegssicherung muss bereitstehen.
4. Allgemeinanästhesie (Vollnarkose)
Definition: Der Patient ist nicht erweckbar, auch nicht durch schmerzhafte Reize. Die Fähigkeit zur selbstständigen Atmung ist in der Regel aufgehoben. Es sind Maßnahmen zur Beatmung und Atemwegssicherung erforderlich. Auch die Herz-Kreislauffunktion kann beeinträchtigt sein.
Typische Anwendung:
- Oralchirurgie und MKG-Chirurgie (sofern eine Sedierung die Behandlungsfähigkeit des Patienten nicht bewirkt)
- Große chirurgische Eingriffe (z. B. Bauch-OPs, orthopädische Operationen)
- Traumaversorgung
- Notfalloperationen
Beispielmedikamente:
- Propofol, Sevofluran, Isofluran
- Muskelrelaxanzien
- Opioide in Kombination
Überwachung des Patienten:
- Klinische Bewertung des Bewusstseinslage (Ansprechbarkeit und Erweckbarkeit)
- Geräte-Monitoring: Pulsoximetrie (Oxigenierung), EKG, nicht-invasive Blutdruckmessung (Herz-Kreislauf-System) und Kapnometrie (Atmung)
Wichtig: Die Allgemeinanästhesie darf nur von Fachärzten für Anästhesiologie oder entsprechend geschultem Personal durchgeführt werden. Sie erfordert eine umfassende Überwachung.
Warum diese Einteilung wichtig ist
Die ASA-Klassifikation der Sedierungstiefen ist ein wichtiges Instrument für:
- Patientensicherheit: Sie hilft, Komplikationen wie Atemstillstand oder Hypoxie frühzeitig zu erkennen und zu verhindern.
- Richtige Vorbereitung: Abhängig von der Sedierungstiefe sind unterschiedliche Überwachungsmaßnahmen und Notfallpläne notwendig.
- Juristische Absicherung: Die klare Definition hilft auch bei der Dokumentation und rechtlichen Nachvollziehbarkeit der Maßnahmen.
Fazit
Die Einteilung in vier Sedierungstiefen nach ASA bietet ein klares, praxisnahes System zur Einschätzung und Steuerung der Sedierung bei Patienten. Sie erleichtert die interdisziplinäre Kommunikation, erhöht die Sicherheit und ist für alle Fachkräfte, die mit Sedierung arbeiten, ein unverzichtbares Werkzeug. Ob minimale Beruhigung oder tiefgreifende Narkose – die Wahl der richtigen Sedierungstiefe ist entscheidend für den Erfolg einer jeden Behandlung.
Quellen:
https://link.springer.com/article/10.1007/s11838-021-00131-7
https://wehrmed.de/zahnmedizin/zahnaerztliche-sedierung-orale-sedativa-lachgas.html
Bei Fragen zu diesem Beitrag und einer persönlichen Beratung, wie die Lachgassedierung auch in Ihrer Praxis erfolgreich eingesetzt werden kann, sprechen Sie uns gerne an.
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